Kirche im November

Seele im November

03.11.2026


Liebe Dassendorferinnen, liebe Dassendorfer,

während ich diese Zeilen schreibe, ist noch nicht einmal November. Aber das Schmuddelwetter ist schon da, zieht neblig-nass durch Fensterritzen und unter den Mantel, bis in die Knochen. Wenn es nur nicht bis in die Seele dringt. Die dunkle Jahreszeit ist da. Wenn in der Seele nur nicht auch noch November wird!

Gerade im Gespräch mit jungen Menschen, den Konfirmanden oder Teamern, denke ich mir das. Gottlob sind die meisten von ihnen energiegeladen und strahlen auch an Regentagen noch genügend Sonnenschein ab. Aber ein Lebensgefühl, dass der Sommer vorbei ist, dass der Winter kommt und es von hier an schwerer wird, das begegnet mir oft auch im Gespräch mit ihnen. Als ob unsichtbar Eiskrusten wüchsen, die die Welt zu umschließen drohen, schon im Frühling des Lebens, in dem der Winter doch eigentlich weichen und das Dunkel sich zurückziehen sollte. Ist es so? Kaum. Aber diese Gedanken sind da. Und wenn ich einen Blick auf die Geburtenrate werfe, wenn ich lese, was die Meinungsforschungsinstitute erheben und höre, welche Themen beim Kirchenkaffee hochkommen, dann werden diese Gedanken quer durch alle Generationen gedacht. Sorge um dunkle Zeiten auf der Welt, jetzt in der dunklen Zeit des Jahres.

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR“ (Jesaja 55,8).

„Das klingt, als habe auch Gott keinen Bock auf mich“, sagte mir neulich eine ehemalige Konfirmandin zu diesem Vers. Zum Glück fährt der Prophet Jesaja fort. Er schreibt davon, wie Gott zu uns spricht. Davon, wie er sein Wort auf uns herabfallen lässt wie Regen oder Schnee. Genauso, wie diese die vom Sommer ausgetrocknete Erde wieder fruchtbar machen, sei Gottes Wort. Wo es hinfällt, geschieht etwas. „Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“

Also noch mehr Regen? Ja. Allerdings kein grauer Himmel, der auf mir lastet, sondern Tropfen die von einer höheren Welt her auf mich herabfallen und dabei die Wolken durchschneiden. Kein Nebel, der mir den Blick nach vorn verstellt, sondern Wasserbäche, die Leben geben und Neues wachsen lassen. Und schließlich kein Nass, das kalt in meine Seele kriecht, sondern neue, frische Gedanken von dem, der dort die Auferstehung sieht, wo wir den Totensonntag feiern und der kurz nach der längsten Nacht des Jahres sein Licht mit uns teilt.

Wenn Gott wirklich andere Gedanken denkt als wir, ist die Frage plötzlich nicht mehr „ob er keinen Bock auf mich“ hat. Sie lautet vielmehr, wieviel „Bock“ ich darauf habe, mich in Novembergedanken zu verlieren. Kann es wirklich schlechter sein, mich für Gottes Gedanken zu öffnen, sein Wort in mein Herz fallen zu lassen und abzuwarten? Auf dem Grund meiner Seele würde Neues zu wachsen beginnen – mitten im November.

Ihr und Euer Pastor Konrad Otto